Verwendungszweck der Spende des Lions Club Mutlangen

26.07.2013

Die Beschreibung des Zweckes, für den wir die großzügige Spende der
Mutlangener Lions verwenden wollen hat eine kleine Geschichte….

Sie beginnt vor etwa zwei Jahren – zu diesem Zeitpunkt haben wir begonnen
mit einem interaktiven Theaterstück, das in einer ganz normalen
Unterrichtsstunde in einem ganz normalen Klassenzimmer an jeder ganz
normalen Schule aufgeführt werden kann, in die Schulen zu gehen.

Das Klassenzimmertheaterstück trägt den Titel „ War doch nur Spaß!“ und
thematisiert die Entstehung von Gewalt im alltäglichen Umgang.
Es will die Jugendlichen aufmerksam machen auf ihren Umgang miteinander,
auf Verletzungen und auf den leisen aber gefährlichen Beginn von Gewalt…
Gewalt,die dann im schlimmsten Fall tödlich enden kann.

Das Theaterstück wurde und ist ein großer Erfolg, die Aufführungen werden
heute vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und
Senioren Baden-Württemberg unterstützt.

Seitens der Schulen entstand mit den Aufführungen die Frage nach
Unterstützung zur Vertiefung des Themas Gewalt im schulischen Alltag und
affiner Themen (Mobbing, Cybermobbing, Zivilcourage..).

Dieser Frage sind wir nachgegangen und haben eine Handreichung für
Lehrerinnen und Lehrer entwickelt, die für den Einsatz im Unterricht
konzipiert ist.

Ihr Titel lautet „Wenn der Spaß aufhört…“

Den ersten „Band“ dieser Handreichung haben wir mit Unterstützung der
Robert BOSCH Stiftung inzwischen fertiggestellt und haben ihn mitgebracht.

Er enthält

- eine Broschüre, die Informationen zu den Themen Mobbing und
  Zivilcourage enthält
- Unterrichtsmaterialien, die als Kopiervorlagen gestaltet sind
- eine DVD mit
- einem Film für den Unterricht
- dem authentischen Bericht eine ehemaligen Mobbingopfers (Sylvia
  Hamacher)
- der Bearbeitung von Mobbingfällen im Klassenverband durch pädagogische
  Fachkräfte
- der wissenschaftlichen Erklärung der Entstehung von Gewalt durch Herrn
  Prof.Dr.Joachim Bauer, Freiburg
- der wissenschaftlichen Erklärung von Cybermobbing durch Frau Dr.
  Catarina Katzer, Köln
  Und nun sind wir beim Verwendungszweck –


Der zweite Band des Manuals soll nun entstehen

Die Themen

- zielgerichtete, hochexpressive Gewalt im Alltag
- Gewalt mit rechtsradikalem Hintergrund ( Darstellung durch einen Täter)
- Gewalt mit unklarem Motiv (Amok)
- Gewalt im öffentlichen Raum (Dominik-Brunner-Stiftung)
- wissenschaftliche Erklärung (Frau Prof.Britta Bannenberg)
- N.N.

und die Folgen

- Herr Dr. Martin Keweloh
- Weißer Ring (Herr Dr. Sielaff)
- Möglichkeiten der Früherkennung und Intervention
- FU Berlin (Prof. Dr. Herbert Scheithauer)

Unser Ziel ist es, eine wissenschaftlich fundierte und zugleich unmittelbar für
den Unterrichtseinsatz geeignete Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer
zu entwickeln, die dazu beitragen soll, dass der schulische und
außerschulische Alltag unserer Kinder sich erst gar nicht zu einem
bedrohlichen Szenario entwickeln kann.

Lesung der Schüler von Winnenden

26.02.2013

 

 

 

 

 

 

Rational gesehen, ist es nur ein Karton. Papa hat den Karton in Jennys Zimmer gestellt, weil da ihre  persönlichen Sachen drin sind: Zahnspange, Hausschlüssel, Geldbeutel, Schulranzen. Aber Jenny kann den Karton nicht sehen und will schon gar nicht hineinschauen. Denn darin befinden sich die Sachen, die sie im Klassenzimmer zurücklassen musste, als ein ehemaliger Schüler in ihre Schule stürmte, um sich schoss, die Flucht mit einer Geisel ergriff, auf ihr wahllos drei Menschen und sich dann selbst richtete. Die traurige Bilanz: Sechzehn Tote. Deshalb hat Jenny nun also, fünf Tage nach dem Massaker, Angst davor, in den Karton zu blicken. Sie schreibt: „Ich will nicht sehen, ob Blut an meinem Schulranzen klebt. Oder eine Kugel ihn durchlöchert hat. Ich vermeide es, ihn zu berühren.(…) Mir wird klar, wenn es Nacht wird, muss er von hier verschwinden.“

Dies ist nur ein Einblick von vielen in das Leben von Menschen, die etwas durchgemacht haben, was niemand widerfahren sollte. Fünf Schüler und eine Lehrerin haben in Zusammenarbeit mit Autor Daniel Oliver Bachmann ein Buch veröffentlicht, in dem sie hautnah beschreiben, wie sie den 11. März 2009 erlebt haben und was dieser Tag mit ihrem Leben gemacht, das alte gelöscht und ein neues, ungewolltes geschaffen hat. Am Dienstag wurde das Buch „Die Schüler von Winnenden. Unser Leben nach dem Amoklauf“ in der voll besetzten „Kreh“- Buchhandlung in Winnenden vorgestellt. Unter den Zuschauern waren auch Sven Kubick, Schulleiter der Albertville-Realschule und Hans- Dieter Baumgärtner, Rektor des angrenzenden Lessinggymnasiums. Und das ist gut so. Denn das Buch setzt ein Zeichen. Es fordert auf, nicht zu vergessen, was geschehen ist, sich mit dem Thema Amok auch vier Jahre nach der Tat zu befassen, um künftig alles erdenkliche zu tun, damit so etwas nicht mehr geschehen kann. Das ist die Oberfläche, jener Teil, der nach einer solchen Tat infolge eines großen Aufschreis durch die Menschen geht und der dann aber, bei den meisten, im Laufe der Zeit in Vergessenheit gerät. Vielleicht greift das Buch gerade deshalb noch tiefer:  Die Überlebenden beschreiben detailgetreu wie  „aus dem normalen Vormittag“ des elften März „auf einmal so ein schrecklicher Vormittag werden konnte“ und sie schildern all das, was man nicht sehen kann:  Ihre Ängste, ihre Trauer, ihr monate-, vielleicht  auch lebenslanger Kampf mit dem Trauma.

a ist Annabell Schober, zur Tatzeit elf Jahre alt, die in einer bewundernswerten, unter die Haut gehenden Klarheit beschreibt, wie sie von dem Amoklauf an der Albertville-Realschule erfahren  und plötzlich panische Angst um ihre Schwester Jana bekommen hat, die dort zur Schule geht. Als sie von ihren Eltern erfährt, dass Jana tot ist, schreit sie ihre ganze vorangegangene Anspannung, ihre Ängste um die Schwester heraus: Die heutige Neuntklässlerin  der Geschwister- Scholl- Realschule in Winnenden beschreibt das so: „ Dann kommt ein Schrei aus meiner Kehle. Wie ich noch nie einen vernommen habe. (…) Der Schrei will gar nicht mehr aufhören. Es ist, als ob ich versuchte, damit Jana noch einmal zu erreichen.“

Erreichen können die Schüler bei der Lesung vor allem auch ihr Publikum. Was hier beschrieben wird ist so Unvorstellbar, einige Zuschauer wischen sich auch vier Jahre danach noch Tränen aus den Augen.

Da ist Marie Bader,  zur Tatzeit 16 Jahre alt, deren beste Freundin in ihren Armen stirbt.

Da ist Steffen Sailer , am Tag des Massakers 15 Jahre alt, der beschreibt, wie er, einer „Aufziehpuppe“ gleich,  über seine leblosen Mitschüler steigt, um irgendwie aus dem Klassenzimmer zu kommen.

Da ist Jenny, damals sechzehn, die mit ansehen musste, wie eine Referendarin vor ihren Augen mitten im Chemieunterreicht erschossen wurde. 

Das alles passiert an einem Mittwochmorgen. Innerhalb weniger Minuten. Mitten in Deutschland.

Auch wenn nicht jeder der Beteiligten, die für das Buch ihre Erlebnisse niedergeschrieben haben, an diesem Abend Einblick in das Geschehen gegeben haben, spürt man, dass sie alle eines eint: Den Wunsch, das so etwas „bitte nie wieder“ geschehen darf, dass „Sicherheit an Schulen entsteht“, dass „man härter mit dem Handel von Waffen umgeht“ und dass man „Menschen(…) nicht in ihrem Leid alleine lässt.“

Denn es ist vor allem das, was an diesem Abend auf erschreckende Weise deutlich wird: Wer so etwas durchleben musste,  der wird später  mit vielen Dingen alleine gelassen. Dinge, die für Außenstehende oft nicht sichtbar, aber an diesem Abend umso greifbarer werden:

Neben der immer wiederkehrenden Frage nach dem Warum, neben der unermesslichen Trauer um geliebte Menschen, kommt all das  ans Licht, was normalerweise – insbesondere von den Medien – gar nicht beleuchtet wird.

Denn der, der in ein Rampenlicht gerückt wird, ist der Täter: Warum er das gemacht hat, wie lange er es geplant hat und was alles theoretisch schief gehen musste, bis er praktisch zu so etwas fähig sein konnte. Das alte Lied.

Wenn betroffene Schüler aber weinen, ja  dann werden sie gefilmt, weil das die  Sensation ausmacht: Das Darstellen von fremdem Leid.

Aber was  ist mit den Albträumen, die Nacht für Nacht wieder kommen? Was ist mit der Tatsache, dass viele Betroffenen Angst im Dunkeln haben, die Türe nachts offen lassen müssen, um wenigstens ein bisschen schlafen zu können? Das ist für die Auflage einer Zeitung nicht wichtig. Für das Überleben der Betroffenen aber schon.

Denn wie soll man sich auf Unterricht, auf Normalität konzentrieren, wenn  eine Rückkehr in die Albertville-Realschule unmöglich, die Vorstellung vorübergehend in Containern unterrichtet zu werden, aber auch unerträglich ist? Wie oft am Tag sagt man, es gehe einem gut,  weil man wieder funktionieren muss in dieser Welt, obwohl man innerlich ständig  heulen könnte? Wen da draußen interessiert es, dass der leiseste Knall im Schulflur plötzlich alles wieder hoch kommen lässt?

Kann man als Lehrer überhaupt noch unterrichten, wenn man gesehen hat, was sie sehen mussten? Darf man wieder lachen, wird man jemals einen Schultag als normal empfinden können?

Und doch: Die Betroffenen haben jetzt, fast vier Jahre nach der Tat, für sich irgendwie einen Weg finden können, wieder Normalität zu in ihr  Leben zurückzubekommen.  Durch  den Halt in  der Familie. Manchen haben Psychologen, anderen  die  Gespräche mit Freunden geholfen. Manchen ist der Gedenktag wichtig, andere wollen sich am 11. März lieber im Stadion ablenken, etwas Schönes erleben. An einem Maiabend ein Eis essen gehen. Normalität spüren.

Und dann hat bestimmt auch das Schreiben dieses Buches  geholfen, einen Abschluss mit dem Geschehnen  zu finden. Vor einem Jahr, im Winter 2012,  haben sich die fünf Schreiber zusammen mit Daniel Bachmann und den beiden Lektorinnen Antonia Thiel und Julia Ziecker hingesetzt und ihre  -zum Teil seit dem Tag des Amoklaufs notierten  – Erlebnisse zusammengetragen.

Zumindest die Menschen in dem kleinen Raum der Buchhandlung wissen, wie wichtig der Kampf der Überlebenden ist. Weil sie direkt oder indirekt betroffen sind. Sie werden niemals die Menschen vergessen, die an jenem Tag ihr Leben lassen mussten und die Überlebenden werden sich auch weiter dafür einsetzen, Mobbing- Opfer nicht auszugrenzen, Gewalt an Schulen zu verhindern und  Waffen in privaten Haushalten zu verbieten – elementare Dinge, durch welche die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Winnenden  gemindert werden kann.

Spätestens, wenn man dieses Buch gelesen hat, sollte man verstehen, warum dieser Kampf so wichtig und so richtig ist. Und auch, wenn man es nicht verstehen wird, dann wird deutlich, dass diese Menschen weiter kämpfen werden. Jeden Tag.

Denn „wer nicht kämpft verliert“, sagt Jenny. Zahlreiche Menschen  haben  durch das Massaker schon viel zu viel verloren. Der Kampfgeist ist geblieben. Und an diesem Abend sind sie alle  damit in der Buchhandlung nicht alleine. Es wäre schön, wenn diese Wünsche bei allen ein bisschen alltäglich werden könnten.

Es berichtete unsere Unterstützerin Lena Kroenlein