Dossenheim: Amoklauf "gehört von nun an zu dieser Gemeinde"

30.11.2013

Diskutierten sachlich (v.l.): Grünenvorstand Stefan Kätker, Kriminologieprofessorin Britta Bannenberg, Gisela Mayer von der 'Stiftung gegen Gewalt' und SPD-Vorstand Fred Herrmann. Foto: Alex

Diskutierten sachlich (v.l.): Grünenvorstand Stefan Kätker, Kriminologieprofessorin Britta Bannenberg, Gisela Mayer von der "Stiftung gegen Gewalt" und SPD-Vorstand Fred Herrmann. Foto: Alex

 

Dossenheim. (dw) "Das gibt uns allen Mut, das Thema weiter anzugehen", sagte Grünen-Vorstandsmitglied Dr. Stefan Kätker nach gut zwei Stunden des Zuhörens und Diskutierens. Zusammen mit der SPD hatte der Grünen-Ortsverband einen Diskussionsabend veranstaltet: "Nach dem 20. August 2013 - Hintergründe von Amoktaten". An diesem Sommertag hatte ein Dossenheimer bei einer Wohnungseigentümerversammlung drei Menschen und anschließend sich selbst erschossen.

Auch wenn einige der Anwesenden sich eine noch größere Resonanz gewünscht hatten, war die Veranstaltung im Rathaussaal gut besucht. Und es war eine gute Veranstaltung. Über Amok, Gewalt und die Hintergründe wurde sachlich und ohne jeden voyeuristischen Blick auf das örtliche Ereignis gesprochen. Mit Britta Bannenberg und Gisela Mayer waren zwei kompetente Referenten eingeladen worden. Bannenberg ist Professorin für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Gießener Justus-Liebig-Universität, Mayer ist Sprecherin der "Stiftung gegen Gewalt an Schulen", die aus dem Bündnis "Amoklauf Winnenden" hervorgegangen ist.

Kätkers eingangs erwähntes Fazit war die Botschaft des Abends. Mehr noch: Es ist zugleich ein Auftrag, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem, das jeden angeht und das jeden treffen kann - sei es auch noch so zufällig. Amoktaten mahnen zum Nachdenken über den Umgang im täglichen Miteinander. Und noch etwas nahmen die Diskussionsteilnehmer mit: Geschehenes muss aufgearbeitet werden.

"Diese Tat gehört von nun an zu dieser Gemeinde", benannte Mayer das, was alle im Raum einte. Einige der Gekommenen bekannten sich zu einem "komischen Gefühl", das sie seit dem Vorfall begleite. Sie wüssten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Manchen war ihr Unwohlsein bis dahin diffus geblieben. Auch ihnen fehle die Sprache, ihre Beklommenheit auszudrücken.

Mayer weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig eine solche Situation ist. Es sei ein Trugschluss zu glauben, dass man nach einiger Zeit in das frühere Leben einfach zurückkehren könne. Ein Amoklauf sei wie ein Erdbeben. Doch anders als die Naturkatastrophe hinterlasse menschliches Handeln mehr Verletzungen, als es auf den ersten Blick scheine. Es seien nicht nur die unmittelbar Betroffenen traumatisiert, sagte sie. Immer wieder betonte Mayer die Bedeutung des Gesprächs als "heilende Kraft".

Es dürfe nichts totgeschwiegen werden, sagte auch Bannenberg, die verordnetes Schweigen als "Abwehr" interpretierte. Ein Gespräch erfordere nicht immer Worte. "Das Mitmenschliche auszuhalten, das ist schon viel", ermutigte sie zum Zuhören. Schließlich war es Mayer wichtig, Strukturen auszubauen, die Hilfesuchende auch Jahre nach dem Vorfall als verlässliche Anlaufstelle aufsuchen können. Schwierigkeiten im Alltagsleben könnten und würden auch Jahre danach noch auftreten.

Bannenberg erforscht Amoktaten wissenschaftlich. Sie skizzierte die Charaktere, die zu solch überreizten Handlungen neigten. Meist sind es Männer, die sich missverstanden und gemobbt fühlten. Sie sammelten die ihnen vermeintlich angetanen Herabsetzungen. Kleinigkeiten führten dann oft zum Ausbruch. Der Zugang zu Schusswaffen und ein häuslich selbstverständlicher Umgang damit erleichtere die Reaktion.

Auch über die Regelung des privaten Zugangs zu Schusswaffen wurde gesprochen und auch über die Verantwortung der "Medien". Manche schreckten selbst bei solchen Taten vor keiner Form der Berichterstattung zurück, auch nicht vor der erfundenen, so Kriminologieprofessorin Bannenberg.

Der Artikel erschien am 29.11.2013 in der Rhein-Neckar-Zeitung.

Reden ist besser als Schlagen

13.11.2013

28d0499c-8698-497b-957f-272bee39c991.jpg

Schauspieler Thomas Fritsche spielt den Piratenlehrer in der Grundschule Weiler zum Stein. Foto: ZVW

Grundschüler in Weiler zum Stein werden zu Akteuren beim Klassenzimmer-Theaterstück „Käpt´n Kross“

Leutenbach. Er ist raubeinig und liebt die Gewalt. Piratenlehrer Käpt’n Kross will auf der Suche nach seinem Schatz die Schulkinder zu Heimtücke und Streit anstiften. Doch die merken beim interaktiven Theaterstück mit Hilfe zweier Verbündeter, dass Gewalt keine Lösung ist und man auch mit Angst ein „mutiger Kerl“ sein kann.

Mit dem Dolch in der Hand und grimmigem Gesicht empfängt Käpt’n Kross die vierte Klasse der Grundschule Weiler zum Stein auf seinem Boot „Lahme Ente“. Rumlaufen oder Dazwischenreden werde bestraft, so seine erste Regel. Die Kinder müssen auf einem Bein stehen, fiese Flüche aufsagen und sich die Geschichte vom schrecklichen Fred, dem Erzfeind von Kross, anhören. Dabei lernen die Mädchen und Jungen auch Schlonz, den Sohn von Käpt’n Kross, kennen. Der leidet unter der Härte seines Vaters und würde viel lieber Bücher lesen, in eine richtige Schule gehen. Doch daran ist nicht zu denken, denn Kross kommandiert: „Kinder, lasst euch nichts gefallen. Stark sein ist wichtiger als lesen lernen!“ und fordert die Zehnjährigen zum Zweikampf gegen den Käpt’n auf. Stille in der Runde. Keiner traut sich. Tom probiert es als Erster, gefolgt von Michael und Selin. Doch so richtig Spaß macht das nicht und Schlonz appelliert: „Lieber Hirn statt Muskeln“ und wird prompt vom Vater als Weichei abgestempelt. So kommt auch das „Ja“ auf die Frage, ob die Klasse denn aus mutigen Piratenkindern bestehe, etwas zögerlich und leise. Mehr Begeisterung entlockt der Piratenlehrer den Kindern mit der Aussicht auf ein gemeinsames Abenteuer und die Suche nach dem Schatz. Als dann Frieda, die Enkelin des fürchterlichen Fred, auftaucht, versteht die Klasse langsam, dass eine andere Lösung hermuss, um zum Ziel zu gelangen. So versucht man gemeinsam, Käpt’n Kross auf einen besseren, gewaltfreien Weg zu bringen. Am Ende finden alle zusammen den legendären Schatz und Kross kommt zur Einsicht, das sein Sohn eigentlich perfekt ist, auch wenn er sich nicht prügeln will. „So hat am Ende jeder gewonnen. Ahoi.“

Kinder werden zu Mitspielern und tragen so zum Gelingen bei

Theaterschauspieler Thomas Fritsche alias Käpt’n Kross sitzt nach der Vorführung noch mit den Schülern zusammen, lässt das Stück Revue passieren, die Kinder dürfen Fragen stellen. „Was ist wirklich in der Tonne mit den vergammelten Zwieback drin? War in dem Flachmann, aus dem ein Mitschüler getrunken hat, wirklich Schnaps? Ist der Schlüssel, den Kross um den Hals trägt, eigentlich schwer, der Dolch echt?“ Die kleine Plauderrunde zeigt, dass die Kinder viel vom Theaterstück verstanden und alles aufmerksam verfolgt haben. „Das Besondere an unserem Stück ist, dass die Kinder nicht nur zuschauen, sondern zu Mitspielern werden“, so Fritsche, „sie tragen maßgeblich zum Gelingen des Stückes bei.“ Das bleibt haften, die Kinder erfahren Anerkennung. Die Kunstform Theater spreche intellektuell an, wirke emotional nachhaltig und sei eine bewusste Alternative zu allen „eindimensionalen Medien“, betont Hardy Schober vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden.

Stiftung gegen Gewalt ist der Initiator

Die Stiftung gegen Gewalt hat gemeinsam mit Fritsche und Helga Fleig, die für Buch und Regie zuständig ist, das interaktive Klassenzimmertheaterstück „Käpt’n Kross“ zum Thema „Entstehung von Gewalt im alltäglichen Umgang“ auf die Beine gestellt. Die Pilotphase startete am 25. September und endet Mitte Dezember. Geplant sind rund 40 Vorstellungen an zwölf Grundschulen. „Die Resonanz ist wirklich erfreulich“, so Schober, „wir hoffen, dass für das nächste Jahr Förderer gefunden werden, die die Kosten von rund 50 000 Euro übernehmen. Denn das Stück soll für alle Grundschulen kostenlos bleiben.“ Als einen Baustein zur Sozialerziehung sieht Schulleiter Heinz Wolfmaier das Theaterstück. „Ohne den erhobenen pädagogischen Zeigefinger werden hier wichtige Botschaften transportiert. Natürlich können wir damit Konflikte nicht ausschließen, aber minimieren.“

Von Emma von Bergenspitz, am 13.11.2013, ZVW